Vom Ärgernis zur Inspiration – was beim Vergeben Verrücktes passieren kann

Heute morgen sah es ganz so aus, als würde es ein besonders ätzender Tag werden. Ich war müde und meine Kleine auch – sie war permanent am Jammern. Meine Nerven lagen blank. Mein Mann und ich gerieten aneinander.

Und dann wurde es noch schlimmer. Ich bekam eine Email von einem Vertreter der Gemeinde. Bürokratie in Höchstform.

Das Ganze war völlig absurd. Aus der Nachbarschaft hatte es eine Beschwerde gegeben, dass unser am Straßenrand geparktes Auto die Zufahrt zu den Besucherparkplätzen des Nachbarhauses blockieren würde.
Dabei hatten wir es wohlweislich extra gegenüber von einigen Mülltonnen geparkt, und nicht gegenüber von irgendwelchen Parkplätzen, da wir – ganz genau – niemanden behindern wollten.

Nun hatten wir die Aufforderung erhalten, unser Auto umzuparken, da so, wie es jetzt dort stünde, die Nutzung der Parkplätze nicht mehr möglich sei.
Echt jetzt???
Wir konnten weder den Sachverhalt nachvollziehen, noch dass ernsthaft jemand wegen so etwas eine Meldung gemacht hatte. Kurzzeitig überlegten wir, ein Foto zu machen und die Sache spaßeshalber auf Facebook zu posten.
Man hätte uns ja auch einfach darauf ansprechen und freundlich bitten können, das Auto woanders abzustellen. Aber nein, nun war es eine hochoffizielle Angelegenheit.
(Das sind so Augenblicke, wo ich dann gleich auch noch an der Menschheit verzweifele.)

Zur Kenntnis genommen. Die Sache landete, da wie gesagt eine tatsächliche Beeinträchtigung irgendeines Einparkerlebnisses von irgendeinem potentiellen Besucher des Nachbarhauses nicht gegeben war (und von den fünf Parkplätzen ungefähr einer einmal die Woche benutzt wird), auf meiner Prioritätenliste unter „erledigen – am besten morgen nach dem Einkaufen“, aber nicht unter „sofort alles dafür stehen und liegen lassen“.

Fehler.

Heute Morgen um acht bekam ich die nächste Email, in der mir eine Frist bis zehn Uhr gesetzt wurde, das Auto umzuparken, ansonsten würden weitere Maßnahmen folgen.
Interessant – der Absender setzt anscheinend voraus, dass brave Bürger schon vor morgens um zehn Uhr mindestens einmal ihren Emaileingang kontrolliert haben.

Ich bin schier explodiert.

Meine Geschichte war: Vor 4 Monaten hatte ich mich an dieselbe Behörde, an denselben Menschen gewandt, mit einem ECHTEN, DRINGENDEN Problem. Er sagte, er könne mir nicht helfen, verwies auf bürokratische, für mich nicht nachvollziehbare Gründe, und machte einen Lösungsvorschlag, der praktisch nicht durchzuführen war. Ich wandte mich an die nächsthöhere Instanz, wo man schließlich ein Einsehen hatte.
Es wurde eine Entscheidung für eine Lösung getroffen, mit deren Umsetzung sich der Betreffende allerdings weitere 3-4 Wochen Zeit ließ. Und jeden dieser Tage wartete ich weiter, etwas in der Angelegenheit zu hören, da ich weiterhin dringend eine Lösung brauchte.

Also: Echtes Problem wird nicht gelöst, dauert Monate und geht nur unter Beschwerde an anderer Stelle. Ich brauche Hilfe, aber bekomme keine.
Ein „Nicht-Problem“ aus der Nachbarschaft wird dagegen sofort eifrig und mit schwerem Geschütz angegangen. Es wird zwar niemand behindert und es kommt niemand zu schaden, doch die Behörde greift gleich mal voll durch.

Soweit meine Geschichte auf der Formebene. Ich war so derart wütend und frustriert, fühlte mich so unter Druck gesetzt und schickaniert, dass ich kaum noch zu bremsen war.

Sobald mein Mann mit unserer Kleinen zum Einkaufen aus der Haustür war, schnappte ich mir unseren Wohnzimmersessel und stellte ihn stellvertretend für den Behördenvertreter hin.
Eine wunderbare Gelegenheit, dachte ich mir, noch einmal selber die Schritte zu vollziehen, die wir in unserem Online-Vergebungskurs empfehlen.

Ich ging gleich zu dem Schritt „Gefühle ausdrücken“ über und stellte mir vor, wie dort auf dem Sessel dieser Typ saß, der mich so maßlos aufregte.
Ich schrie ihm all meinen Ärger entgegen. Wie unfair, unverhältnismässig und scheisse ich die Aktion von ihm fand. Wie rasend es mich machte, dass er auf solchen Kleinigkeiten mit seiner ganzen behördlichen Macht herumritt, doch sich bei wichtigen Dingen nicht bewegte. Er könne mich ja auch gleich auf dem Dorfplatz steinigen lassen  – das wäre doch vielleicht angemessen bei der Schwere des Vergehens?

Ich machte unmissverständlich deutlich, WIE wütend ich war. Wie sehr ich es hasste, dieser behördlichen Macht ausgeliefert zu sein.
Ich musste SOFORT machen, was er von mir wollte, aber wenn ich etwas brauchte, ließ er sich Tage oder Wochen Zeit mit einer Reaktion.
Ich prügelte auf den Sessel mit Kissen ein, sprang auf und ab und schrie.

Oh je. Sicher haben die Nachbarn mein Toben auch gehört. Vermutlich hat mein Ruf im Haus heute Morgen etwas Schaden genommen hat. Nun ja. Vermutlich gleich der nächste Grund, die Behörden zu benachrichtigen? Oder die netten Männer in den weißen Anzügen?
Diese Möglichkeit gehört bei Gefühls- und Vergebungsforschern wohl zum Berufsrisiko ;-).

Doch der Prozess lohnte sich. Wie so oft kamen im Laufe meiner Abreaktion an dem Sessel erstaunliche Dinge zutage. Wie von selbst wurden die Glaubenssätze sichtbar, die meinen heftigen Gefühlen zugrunde lagen.
Ich fand „Ich bin alleine und niemand hilft mir!“, „Ich brauche Hilfe, doch bekomme sie nicht!“, „Auf mich wird keine Rücksicht genommen!“ und „Wie es mir geht, zählt nicht – ich bin anderen egal.“

Damit wurde die ganze Angelegenheit schon klarer.

Als ich mich dann wieder einigermaßen beruhigt hatte, überlegte ich, welche Bedürfnisse ich hatte. Ich fand „mein Leben selbst gestalten können“ (nicht durch 1000 Regeln eingeschränkt werden, die gar keinen Sinn ergeben), „wohlwollend gesehen werden“ (ich wollte niemandem schaden und sicher keine Nachbarn verärgern) und „Gleichwertigkeit“ (eine Begegnung auf Augenhöhe, bei der nicht eine Seite über mehr Macht verfügt und diese als Druckmittel einsetzt).

Meine Bedürfnisse zu erkennen und ein paar Male laut auszusprechen beruhigte mich noch weiter, doch es war noch nicht ganz rund. Und ich hatte Widerstand dagegen, den nächsten Schritt auch noch zu tun, nämlich mich in den anderen hineinzuversetzen.
In dem Moment fand ich das amüsant. Aus den bisherigen Feedbacks zu dem Onlinekurs habe ich schon davon gehört, dass die Teilnehmer gegen bestimmte Schritte Widerstände hatten.
Doch ich dachte, dass ich über „so etwas“ schon hinweg sei 😉 – tja, wie herrlich kann sich der Mensch etwas vormachen.

Ich muss mir eingestehen, dass mich gerne darum herumdrücke, mich in den anderen hineinzufühlen. Und ich konnte heute auch gut erkennen, warum: Ich habe Angst, dass wenn ich erst einmal Mitgefühl für den anderen entwickele, ich mich selbst im Stich lasse.

Also saß ich da und konnte spüren, dass ich mich kein Stück in den anderen hineinversetzen wollte.
Da es immer hilft, Dinge, die in einem vorgehen, einfach einmal laut auszusprechen, sagte ich dem fiktiven Typen auf dem Sessel: „Ich habe gar keine Lust, mich in dich reinzufühlen. Ich habe Angst, dass ich dann wieder vergesse, was ich brauche.“

Das brachte die Dinge wieder in Fluß, und ich entschied mich, trotz meines Null-Bock-Gefühls der Sache eine Chance zu geben.

Ich setzte mich auf „seinen“ Sessel, sagte mir selbst, ich sei jetzt der Behördenvertreter, und fragte mich in dieser Rolle, was ich gerade fühlte, jetzt, wo ich „Kendra Gettel“ gegenübersaß.
Interessanterweise bekam ich gleich starkes Herzklopfen und es machte sich eine Anspannung im ganzen Körper bemerkbar, die im Brustbereich am stärksten war.
Hatte ich etwa Angst???

Ich sagte „Kendra“, dass ich Angst hätte, und schon veränderte sich das Gefühl zu einem Kloß im Magen. Dieses nächste Gefühl konnte ich gar nicht einordnen. Ich konnte es nicht mit meinem Gegenüber oder den aktuellen Ereignissen in Verbindung bringen, und wusste erst gar nicht, was es hier wollte.
Als ich bei dem Gefühl blieb, kamen mir die Tränen! Traurigkeit. Ich wusste wieder nicht, weshalb.

Schließlich kam etwas hoch von „Ich kenne das, unter Druck zu sein, ich bin auch sehr stark unter Druck. Und Willkür kenne ich auch – als Kind habe ich das oft erlebt.“

Daraufhin veränderte sich wieder etwas. Es war, als ob ich in der Rolle als Behördenvertreter zu „Kendra“ sagen wollte: „Sie sind eine starke Frau, sie haben viel auf dem Kasten, sie sind attraktiv. Ich bewundere das, und ich möchte nicht, dass Sie sauer auf mich sind.“
Und dann wurde es noch schräger: „Ich habe dieses Gefühl in mir, schon ganz lange, irgendetwas nagt an mir, und ich weiss nicht was. Können Sie mir damit helfen?“

An diesem Punkt war ich echt perplex. Es fühlte sich mit einem Mal so an, als hätte diese Situation, die ich bis wenige Minuten vorher als ein reines, überflüssiges Ärgernis gesehen hatte, in Wahrheit einen himmlischen Zweck.
So als hätte irgendeine Macht im Hintergrund diese total hanebüchene Beschwerde der Nachbarn fabriziert, damit mein Weg sich noch einmal mit diesem Typen kreuzt.

Aber nicht, damit wir uns gegenseitig aufregen, sondern damit wir etwas gegenseitig in uns heilen.

In der Rolle sagte „er“ dann noch: „Ich wollte Ihnen keine Umstände machen. Ich will bloß geliebt werden. Wenn Sie noch einmal etwas brauchen, helfe ich Ihnen.“

Und dann war Frieden zwischen uns.

Ich kam mir bei dem ganzen Dialog seltsam vor und zweifelte an dem, was ich wahrnahm. Schleppte der Mann wirklich unverarbeitete Erlebnisse aus seiner Kindheit mit sich herum?
Seitdem ich diese Methode kenne, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, habe ich es schon unzählige Male gemacht, und jedes Mal gute Resultate erzielt. Doch bisher hatten die Gefühle, die dabei hochkamen, immer in einem Zusammenhang mit der Person auf dem Stuhl gegenüber und mit den Ereignissen zwischen beiden gestanden.

Diesmal schienen sie davon abgekoppelt. Und es war ungewohnt, dass der andere nichts Konkretes von mir wollte, sondern etwas Abstraktes wie „Geliebt werden“ und „Hilfe mit seinen Gefühlen“.

Doch was ganz real war, war der Frieden am Ende.
Und das ist, worauf es bei solchen Prozessen ankommt.

Wir können nicht wissen, ob das, was sich zeigt, akkurat das Erleben desjenigen wiedergibt. Mag sein, mag auch nicht sein. Unser Verstand kann diese Dinge oft nicht erklären und muss es auch nicht. Vielleicht ist es etwas aus Unterbewusstsein des anderen, aus seiner Vergangenheit oder ein kollektives Thema. Vielleicht ist es auch ein Hirngespinst.
Da ich Pragmatikerin bin und zufrieden, solange etwas funktioniert, meine ich: Auf jeden Fall spürt man, dass sich etwas bewegt hat, etwas zur Ruhe gekommen ist. Und das ist ja Sinn der Sache, auch wenn wir sie nicht erklären können. 🙂

Auf jeden Fall waren für mich die spirituellen Weisheiten wie „Begegnungen sind nie zufällig“, „Die Menschen, die uns am meisten aufregen, sind unsere größten Lehrer“ oder „Es ist alles nur ein Ruf nach Liebe“ plötzlich mit unerschütterlicher Klarheit fühlbar.

Ich habe mich gefragt, wie zum Teufel ich konkret dazu beitragen kann, in diesem Menschen ein Thema zu heilen. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, es durch diesen Prozess mit ihm, meine Bereitschaft, mich in ihn einzufühlen, schon ein Stück weit getan zu haben.

Und es war, als hätte er sich dafür bedankt.

(Gleichzeitig denke ich „Oje – wenn er je diesen Blogartikel zu Gesicht bekommt – was denkt er dann über mich???? Der hält mich für bescheuert!“ Wie war das mit dem Berufsrisiko?)

Es beeindruckt mich wieder einmal, welche Wunder geschehen können, wenn wir uns auf Vergebung einlassen, und dabei auch der „Drecksarbeit“ nicht aus dem Weg gehen, die darin besteht, uns durch unsere dunkelsten Gefühle und fiesesten Gedanken hindurchzuarbeiten.
Das ist nicht immer einfach, wird aber immer leichter, je mehr man übt.

Am Ende winken als Belohnung immer der Frieden und eine neue, erweiterte Perspektive auf uns und das Leben.

Inspiration pur!

In unserem Onlinekurs beschreiben wir im Detail, welchen Prozess ich heute angewendet habe, und nehmen die Teilnehmer an der Hand, damit sie auch solche schönen, befreienden Ergebnisse haben.

Und ich kann für diesen Behördentyp jetzt sogar geradezu dankbar sein. Schon fast eine Muse 😉

Was mir noch wichtig ist:
Mit diesem Artikel möchte ich niemanden angreifen oder ins Unrecht setzen. Ich beschreibe hier lediglich einen inneren Klärungsprozess, der in dieser oder ähnlicher Art schon vielen Menschen geholfen, über Ärger und Angriffsgedanken hinwegzukommen.
Teil dieses Prozesses ist es, die eigene „Geschichte“, die man um ein Ereignis herum aufgebaut hat, offenzulegen, und sich mit den eigenen Urteilen, Gedanken, Gefühlen und reaktiven Mustern auseinanderzusetzen.
Meine Schilderung dieser Ereignisse und meiner eigenen Reaktivität ist in diesem Licht zu verstehen.
Darüber hinaus: Wenn ich in einem Rollenspiel über den Betreffenden wahrnehme, bedeutet nicht, dass es auch „wirklich“ so ist. Also wir wollen hier niemandem traumatische Kindheitserinnerungen und ein Liebesdefizit unterstellen, der es nicht hat, oder jemanden „ausspionieren“. Wie gesagt, es geht um eine erfolgreiche Methode, um eigene innere Konflikte zu lösen, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Danke für die Kenntnisnahme!

Kendra

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4 thoughts on “Vom Ärgernis zur Inspiration – was beim Vergeben Verrücktes passieren kann

  1. Liebe Kendra,
    Es ist sehr erfrischend zu lesen, wie und durch welche Gefühle Du gegangen bist. Wer kennt das nicht die Achterbahn der Gefühle?!
    Ich danke dir für die ehrliche und schonungslose Darstellung dieses anstrengenden aber sehr heilsamen Prozesses. Und er ist dermaßen ehrlich und entwaffnend, dass eine gewisse Situationskomik durch die beschreibende Draufsicht entstanden ist, die ich ebenfalls kenne und als heilendes Element schätzte.
    Im Rollenspiel gehen wir in das sogenannte morphische Feld und wir gehen in Resonanz mit dem, was in uns und dem Anderen ist und in beiden geheilt werden will. Wir haben alles in uns und auf irgendeiner Ebene geht der Andere mit uns in Resonanz. Denn außerhalb von uns sind wir mehr mit uns, dem Ganzen und dem Anderen verbunden als wir denken. Die Heilung ist immer für uns selbst und dem Anderen.
    Und ganz spannend finde ich, dass du im Vorfeld dem Anderen klar gemacht hast, wie ernst dir deine Gefühle sind. Spannerweise verlässt Du Dich dann offensichtlich doch nicht, sondern heilst einen bis dahin unbekannten Anteil in Dir, indem Du scheinbar die Seite des Anderen klar siehst. Und Mitgefühl entwickelt sich dann für die ungeheilte Seite in Dir, Freiheit liebt. Ich danke dir für dass ich teilnehmen durfte und freue mich auf einen neuen Blick in die Heilung innerer Prozesse.
    Herzliche Grüße und macht weiter so
    Undine

    • Liebe Undine,
      ich freue mich sehr, von dir zu hören, und dass du meinen Artikel gelesen hast und „Situationskomik“ schreibst – es sollte nicht nur ernst, sondern auch unterhaltsam und lustig werden, und das scheint gelungen 🙂
      Danke auch ganz besonders für deine ergänzende Erklärung zu dem, was in so einem Rollenspiel passiert! Ich finde, du hast das sehr verständlich beschrieben.
      Dir auch herzliche Grüsse,
      Kendra

  2. Liebe Kendra!
    Von Deinem Artikel war ich ehrlich begeistert. Ich glaube, das Entscheidende ist, dass man wirklich diese Schritte macht, und dass der Schwung nicht bei den schönen Glaubenssätzen erlahmt. So was macht viel zu viel Arbeit.

    Das wirkliche Verstehen scheint der Weg zu sein.

    • Liebe Birgitta
      „dass der Schwung nicht bei den schönen Glaubenssätzen erlahmt“ – finde ich sehr treffend ausgedrückt 🙂
      Es freut mich, dass dich der Artikel so begeistert hat und danke, dass du es mich wissen lässt!

      Viele Grüsse,
      Kendra

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